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Digitalisierung im Mittelstand – Projekte außerhalb der Komfortzone

26. November 2019

Digitalisierung im Mittelstand – Projekte außerhalb der Komfortzone

Mit der Digitalisierung ist es wie mit dem Gang ins Fitnessstudio. Jeder weiß, dass es das Richtige ist und trotzdem stirbt der Elan meist nach den ersten Monaten. Ich habe mir darum die Frage gestellt, warum es Unternehmen schwer fällt Digitalisierungsprojekte zu nachhaltigem Erfolg zu führen.

Erschwerende Bedingungen

Ein mittelständisches Unternehmen von der Digitalisierung zu überzeugen bedeutet schlichtweg, eine gesamte Organisation mit unterschiedlichsten Charakteren zum „Gang ins Fitnessstudio“ zu bewegen.
Da ist der Ende 50-jährige Mitarbeiter, der seit vielen Jahren seinen analogen Kalender führt und nie ein Meeting verpasst hat. Dennoch wird diesem Kollegen nun erklärt, dass ein firmenweiter digitaler Kalender eingeführt wird, der von allen Mitarbeitern genutzt werden muss. Für diesen Mitarbeiter bedeutet dies eine Abkehr von seit Jahrzehnten praktizierten Gewohnheiten hin zu einer neuen Routine mit komplett unbekannten Werkzeugen.

Da ist eine Mitarbeiterin, die seit vielen Jahren die Buchhaltung im Unternehmen macht und wahrscheinlich einen besseren Blick für die Zahlen und Zahlungen im Unternehmen hat als der Unternehmer selbst. Diese Mitarbeiterin muss nun im Zuge der Digitalisierung und 8 Jahre vor der Rente das Online-Banking erlernen und alle Belege für den Steuerberater in DATEV Unternehmen Online einscannen, statt sie in einen Ordner zu heften.

Dass die Hemmschwelle für diese Menschen, sich solchen Projekten zu widmen sehr hoch ist, ist logisch. Warum auch – der analoge Ansatz hat in der Vergangenheit einwandfrei funktioniert und positive Resultate der Digitalisierung werden wie im Fitnessstudio erst nach vielen Monaten harten Trainings deutlich.

Wie es nicht geht

In vielen Unternehmen stellen sich Digitalisierungsschulungen folgendermaßen dar: In einem, zwei oder in drei Workshops wird der Organisation die neue Software vorgestellt und es wird in aller Ausführlichkeit aufgezeigt, welche Wunderwirkung diese Programme, wenn richtig genutzt, haben können. Nach kurzer Installationsphase ist die Implementation dann offiziell erfolgt und alle Mitarbeiter sollen effizient mit dem Programm arbeiten können. Was viele Unternehmen dann erleben, ist ein eklatanter Produktivitätsverlust. Warum ist das so?

Um dies zu erklären, möchte ich gerne auf das Fitnessstudio-Beispiel zurückkommen:
Wir alle wissen, welche Vorteile regelmäßiger Sport bringt - Gesundheit, Wohlbefinden, Glücksgefühle und natürlich auch ein subjektiv schönes Aussehen. Viele Menschen kommen aus diesen Gründen auf den richtigen Entschluss ins Studio zu gehen. Dort wird unter Anleitung ein Trainingsplan erstellt und erlernt, wie die Geräte richtig anzuwenden sind. Eigentlich die perfekte Ausgangslage für einen Trainingserfolg! Und trotzdem erstirbt der anfängliche Elan nach weniger als einem halben Jahr und alte Muster kehren zurück. Genau dieses Problem gilt auch für Digitalisierungsprojekte!

Was nun?

Was kann man also tun, um ein Digitalisierungsprojekt zum Erfolg zu führen? Zunächst einmal gilt es anzuerkennen und zu akzeptieren, dass wir Menschen biologisch nicht darauf ausgerichtet sind, ins Fitnessstudio zu gehen, sondern auf der Couch zu sitzen. Das ist weder gut noch schlecht - es ist einfach wie es ist. Genauso sind wir nicht darauf ausgelegt, Angewohnheiten wie einen analogen Kalender, die perfekt funktionieren, einfach abzulegen. Wieso sollten wir auch Dinge verwerfen, die funktionieren?

Es gilt also den Kopf auszutricksen, um sich Angewohnheiten anzueignen, die erstrebenswert sind. Zwei Dinge sind in meinen Augen besonders erfolgreich, um den Kopf auszutricksen: Es sich einfach zu machen und sich zu belohnen.

Zwei Beispiele:

1. Es sich einfach machen!

Mein Ziel ist es, morgens 50 Liegestütz zu machen:

Ich fange also an, morgens diese 50 Liegestütz zu machen und werde nach spätestens drei Monaten nach einem Urlaub, einer Erkältung oder einem anderen Erlebnis aus dieser Routine gerissen.
Ziel verfehlt!

Stattdessen setze ich mir das Ziel jeden Morgen nur einen Liegestütz zu machen. Die Hemmschwelle einen einzigen Liegestütz durchzuziehen ist minimal und die Wahrscheinlichkeit, dass ich mehr als den einen Liegestütz mache, wenn ich erstmal angefangen habe bin, ist enorm. Diese „einfache“ Vorgabe ziehe ich mit Leichtigkeit durch. Wenn ich mir sicher bin, dass er morgige Liegestütz zur Angewohnheit geworden ist, erhöhe ich mein Pensum.
Ziel erreicht!


2. Sich belohnen!

Mein Ziel ist der regelmäßige Gang ins Fitnessstudio:

Viele Menschen verbinden die Anwesenheit im Fitnessstudio mit den Gefühlen Qual, Anstrengung, Müdigkeit und dergleichen. Keine gute Ausgangslage, um sich zu motivieren.
Ziel verfehlt!

Mein Fitnessstudio bietet unglaublich leckere Proteinshakes an, die super schmecken und gesund sind. Seit ich mir nach jedem Training als Belohnung einen dieser leckeren Shakes gönne, hat der Gang ins Fitnessstudio auf einmal eine ganz andere Bedeutung und der Spaß am Sport rückt in den Vordergrund.
Ziel erreicht!

Jedem erfolgreich am Digitalisierungsprojekt teilnehmenden Mitarbeiter einen Proteinshake anzubieten ist wahrscheinlich nicht der erfolgversprechendste Weg. Doch jedes Unternehmen hat zahlreiche Mittel zur Hand, es den Mitarbeitern zunächst so leicht und dabei so schmackhaft wie möglich zu machen, die Digitalisierung voranzutreiben.

Darin liegen die zwei Schlüssel zum Erfolg!

Autor: Maximilian Derwald

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